Was wäre, wenn jeder Mensch eine unbegrenzt gedeckte Karte hätte?

unendlich Geld

Stell dir vor, jeder Mensch hätte eine Karte.

Keine Kreditkarte. Keine Schulden. Keine Zinsen. Kein Dispo. Keine Bonitätsprüfung.

Eine Karte, die immer gedeckt ist.

Nicht mit 2.000 oder 20.000 Euro.

Unbegrenzt.

Völlig verrückt?

Vielleicht.

Aber gerade deshalb lohnt sich das Gedankenexperiment.

Was würde als Erstes verschwinden?

Nicht die Arbeit.

Der finanzielle Zwang.

Und mit ihm könnte ein riesiger Apparat verschwinden, den wir heute für selbstverständlich halten:

  • Schulden, Kredite, Zinsen und Dispokredite
  • Mahnungen und Inkassobüros
  • Bonitätsprüfungen
  • Lohnabrechnungen und große Teile der Geldbuchhaltung
  • Spekulation und viele Finanzprodukte
  • Ämter und Verwaltungsverfahren, deren Hauptaufgabe darin besteht zu prüfen, ob jemand arm genug, reich genug oder leistungsberechtigt ist
  • der Bittsteller, der seine Bedürftigkeit mit Kontoauszügen, Formularen und Nachweisen beweisen muss
  • Existenzangst wegen Miete, Strom, Nahrung oder Krankheit
  • der Zwang, einen ungeliebten Beruf nur wegen des Geldes auszuüben
  • ein großer Teil des Preisdrucks auf Bauern, Handwerker, Pflege, Gastronomie und kleine Unternehmen

Natürlich bräuchten wir weiterhin Organisation.

Wir müssten wissen:

  • Was wird gebraucht?
  • Wo fehlen Rohstoffe?
  • Wer baut Häuser?
  • Wer produziert Lebensmittel?
  • Wer repariert eine Wasserleitung?

Aber das wäre Organisation von realen Dingen statt Verwaltung von Geldmangel.

Und diejenigen, deren Einfluss heute hauptsächlich daraus entsteht, dass sie Kapital kontrollieren, würden einen erheblichen Teil dieser Macht verlieren.

Denn mit Geld könnte niemand mehr einen anderen Menschen zum Gehorsam zwingen.

Würden dann alle aufhören zu arbeiten?

Das ist vermutlich der erste Einwand. Unbegründet – denn es gab schon mal eine Zeit vor dem Geldsystem.

Doch Menschen tun schon heute unzählige Dinge ohne Bezahlung.

Sie pflegen Angehörige, helfen Nachbarn, programmieren freie Software, engagieren sich in Vereinen, bauen Gärten an, schreiben, malen, erfinden und forschen aus Neugier.

Menschen wollen nicht nur Geld.

  • Sie wollen etwas können.
  • Sie wollen gebraucht werden.
  • Sie wollen gestalten.
  • Sie wollen etwas erschaffen.
  • Die entscheidende Frage würde sich verändern.

Heute:

Was muss ich arbeiten, damit ich leben kann?

Dann:

Was möchte ich mit meinem Können beitragen?

Der Bauer würde seinen Hof nicht plötzlich verlassen

Warum sollte jemand, der Landwirtschaft liebt, plötzlich sagen:

„Jetzt ist mein Kühlschrank voll, also interessieren mich meine Tiere und mein Land nicht mehr“?

Vielleicht würde genau das Gegenteil passieren.

Der Bauer müsste nicht mehr jeden Liter Milch, jedes Schwein und jede Tonne Getreide unter maximalem Preisdruck erzeugen.

Statt:

Wie bekomme ich maximalen Ertrag?

könnte wieder stärker die Frage zählen:

Wie möchte ich Landwirtschaft betreiben?

Boden, Tiere, Qualität und regionale Versorgung könnten wichtiger werden als Kreditraten und Weltmarktpreise.

Forschung könnte geradezu explodieren

Auch Ingenieure würden nicht aufhören, Maschinen zu entwickeln.

Künstler würden nicht aufhören zu malen.

Forscher würden ihre Labore nicht schließen.

Erfinder würden ihre Ideen nicht verlieren.

Im Gegenteil.

Wie viele Ideen scheitern heute an einem einzigen Satz?

„Dafür gibt es keine Finanzierung.“

Ohne finanzielles Absturzrisiko könnten Menschen ausprobieren, scheitern, verbessern und neu anfangen.

Nicht mehr:

Was bringt Rendite?

Sondern:

Was bringt uns weiter?

Banken und Börsen würden einen großen Teil ihrer heutigen Bedeutung verlieren

Wenn niemand Geld leihen muss, verliert der Zins seinen Sinn.

Wenn Geld nicht knapp ist, verliert auch die Spekulation mit Geld einen großen Teil ihrer Funktion.

Plötzlich würde wieder das zählen, was tatsächlich existiert:

  • Lebensmittel.
  • Wohnraum.
  • Energie.
  • Maschinen.
  • Medizin.
  • Pflege.
  • Wissen.
  • Handwerk.
  • Kunst.
  • Transport.

Realwirtschaft statt Geldwirtschaft.

Aber dann kauft doch jeder alles leer?

Am Anfang vielleicht.

Viele würden sich vermutlich erst einmal erfüllen, was vorher unerreichbar war.

Das große Auto.

Eine Reise.

Ein schönes Haus.

Gute Kleidung.

Aber irgendwann steht das sechste Auto vor der Tür.

Und dann?

Wenn ich weiß, dass ich morgen ebenfalls alles bekommen kann, verliert Horten einen großen Teil seines Reizes.

Heute entsteht Besitz auch aus Angst:

Vielleicht kann ich es mir morgen nicht mehr leisten.

Fällt diese Angst weg, könnte paradoxerweise auch der Konsum ruhiger werden.

Luxus würde nicht verschwinden

Natürlich wollen Menschen Schönes.

  • Ein handgebautes Auto.
  • Ein außergewöhnliches Haus.
  • Ein maßgeschneidertes Kleid.
  • Ein besonderes Möbelstück.
  • Ein hervorragendes Restaurant.
  • Luxus wäre weiterhin Luxus.

Aber vielleicht hieße Luxus dann weniger:

„Ich kann mir etwas leisten, was du niemals haben wirst.“

Und stärker:

„Das ist außergewöhnlich schön und hervorragend gemacht.“

Luxus würde wieder mehr mit Können, Kunst, Individualität und Handwerk zu tun haben als mit gesellschaftlichem Rang.

unendlich Geld

Die Wegwerfgesellschaft würde einen großen Teil ihres Sinns verlieren

Warum zehn billige Pullover kaufen, wenn ich mir einen wirklich guten anfertigen lassen kann?

Passend.

Haltbar.

Reparierbar.

Von jemandem hergestellt, der sein Handwerk liebt.

Dasselbe gilt für Schuhe, Möbel, Werkzeug und viele Alltagsgegenstände.

Massenproduktion würde nicht völlig verschwinden. Schrauben, Gläser, elektronische Bauteile oder Medikamente wird man weiterhin effizient produzieren.

Aber das Prinzip

billig herstellen – kurz benutzen – wegwerfen – neu kaufen

würde viel von seinem Sinn verlieren.

Lebensmittel könnten wieder viel näher zu den Menschen kommen

Warum braucht eine Kartoffel fünf Zwischenstationen?

Der Bauer erzeugt Lebensmittel.

Menschen brauchen Lebensmittel.

Also könnten Hofläden, regionale Versorgung und direkte Verteilung viel wichtiger werden.

Und Restaurants?

Heute muss ein Restaurant erst einmal Miete, Kredit, Personal, Versicherungen, Energie und Steuern erwirtschaften.

In diesem Modell könnte jemand sagen:

„Ich liebe es zu kochen. Also betreibe ich ein Restaurant.“

Vielleicht kommen heute zehn Gäste.

Morgen dreißig.

Kein Existenzkampf.

Gastfreundschaft statt Umsatzdruck.

Auch Häuser wären keine Spekulationsobjekte mehr

Eine Familie braucht mehr Platz.

Ein älteres Paar lebt inzwischen allein in einem großen Haus.

Heute beginnt sofort die Geldrechnung.

Was ist das Haus wert?

Was kostet das andere?

Kann ich mir einen Umzug leisten?

In einer anderen Gesellschaft könnte die wichtigste Frage lauten:

Wer braucht gerade was?

Die Familie nutzt das größere Haus.

Das Paar zieht in ein kleineres Haus mit Garten.

Jemand anderes braucht eine Werkstatt.

Besitz würde stärker nach Nutzen organisiert und weniger nach Marktwert.

Aber nicht alles ist unbegrenzt

Das ist wichtig.

Eine unbegrenzt gedeckte Karte erschafft keine zweite Erde.

Ein bestimmtes Haus am Meer gibt es nur einmal.

Ein Originalgemälde ebenfalls.

Rohstoffe, Flächen und menschliche Zeit bleiben begrenzt.

Für wirkliche Seltenheiten bräuchten wir deshalb andere Regeln:

Losverfahren, Wartelisten, gemeinschaftliche Nutzung oder andere faire Verteilungen.

Aber aus der Tatsache, dass manche Dinge knapp sind, folgt nicht, dass Menschen deshalb bei Nahrung, Wohnen, Energie oder medizinischer Versorgung in Existenzangst leben müssen.

Und Schule?

Auch Bildung würde sich verändern.

Wenn der spätere Beruf nicht mehr danach gewählt werden muss, womit man genug Geld verdient, könnte Bildung viel stärker herausfinden:

Was kann dieser Mensch?

Was interessiert ihn?

Was möchte er lernen?

Schule wäre nicht mehr hauptsächlich Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt.

Das Leben selbst wäre Schule.

Und Bildung könnte einem Menschen dabei helfen, seiner tatsächlichen Begabung und Berufung zu folgen.

Vielleicht würde auch Gemeinschaft wieder wichtiger

Heute denken viele:

„Wenn ich dir helfe, verliere ich Zeit oder Geld.“

Doch wenn die eigene Existenz gesichert ist, verändert sich diese Rechnung.

Heute helfe ich dir beim Dach.

Morgen hilfst du mir im Garten.

Übermorgen kümmert sich jemand um meine Tiere.

Nicht als minutiös berechneter Tausch.

Sondern weil jeder weiß:

Morgen könnte ich selbst Hilfe brauchen.

Dann verändert sich vielleicht die wichtigste Frage überhaupt.

Nicht mehr:

„Was bekomme ich dafür?“

Sondern:

„Was brauchst du gerade?“

Und irgendwann brauchen wir vielleicht nicht einmal mehr die Karte

Das ist für mich der spannendste Gedanke.

Die unbegrenzt gedeckte Karte wäre womöglich nur ein Übergang.

Denn wenn jeder unbegrenzt Geld besitzt, verliert Geld irgendwann seine Bedeutung.

Dann bleibt die reale Frage:

Was brauchen Menschen – und wer möchte es herstellen, bauen, pflegen, reparieren oder entwickeln?

Vielleicht würde eine unbegrenzt gedeckte Karte unsere Wirtschaft deshalb gar nicht zerstören.

Vielleicht würde sie nur etwas zerstören, das wir heute mit Wirtschaft verwechseln:

den Zwang, Geld besitzen zu müssen, bevor man leben darf.

Und vielleicht würden wir danach erkennen:

Der wahre Reichtum einer Gesellschaft ist nicht die Zahl auf irgendeinem Konto.

Sondern wie viel Wissen, Können, Nahrung, Wohnraum, Kreativität und Hilfsbereitschaft vorhanden sind.

Und letztlich:

wie viele Menschen da sind, wenn man sie braucht.

 

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Von Wiensworld

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