Eine politische Anklage gegen ein Lebensmittelsystem, das seine eigene Normalität nicht mehr erklären muss
Im Supermarkt ist die Rollenverteilung längst festgelegt.
- Bio bekommt ein Siegel.
- Bio braucht Kontrollen.
- Bio braucht Zertifikate.
- Bio muss dokumentieren.
- Bio muss nachweisen.
- Bio muss sich erklären.
Und konventionell?
Konventionell steht einfach im Regal.
Als wäre diese Produktionsweise der natürliche Ausgangspunkt unserer Ernährung.
Genau darin liegt für mich bereits ein politischer Skandal.
Denn warum wird ausgerechnet die Landwirtschaft besonders gekennzeichnet, die versucht, den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel deutlich einzuschränken?
Warum muss der Bio-Landwirt beweisen, dass er anders arbeitet, während die konventionelle Produktionsweise weitgehend ohne eine für Verbraucher verständliche Produktionskennzeichnung auskommt?
Das EU-Bio-System ist streng geregelt. Wer „Bio“ oder „Öko“ verwendet, muss die entsprechenden Vorschriften erfüllen; bei vorverpackten Bio-Lebensmitteln ist das EU-Bio-Logo grundsätzlich vorgeschrieben, ergänzt um Kontrollstellennummer und Herkunftsangaben.
Derjenige, der vom konventionellen System abweicht, muss sich ausweisen.
Warum eigentlich nicht umgekehrt?
Konventionell müsste sich erklären
Auf jedes konventionell erzeugte pflanzliche Lebensmittel könnte beispielsweise gehören:
- Anbauweise: konventionell
- Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel eingesetzt: ja/nein
- Verwendete Wirkstoffe: …
- Anzahl der Anwendungen: …
- Letzte Rückstandsuntersuchung: …
- Quantifizierbare Rückstände festgestellt: ja/nein
- Anzahl nachgewiesener Wirkstoffe: …
Dann hätten wir plötzlich echte Transparenz.
Nicht irgendein grünes Werbeversprechen auf der einen Seite und Schweigen auf der anderen.
Sondern Informationen.
Ich will ein Kontaminationszeichen
Warum gibt es eigentlich kein leicht verständliches Zeichen für Lebensmittel, bei denen Rückstände bestimmter Pflanzenschutzmittel nachgewiesen wurden?
Keinen Totenkopf.
Keine Panikmache.
Sondern beispielsweise ein neutrales Kontaminations- oder Rückstandszeichen.
Denn „gesetzlich unter dem Grenzwert“ und „rückstandsfrei“ sind zwei vollkommen verschiedene Aussagen.
Genau diesen Unterschied sollte ein Verbraucher erkennen können.
Die amtlichen Zahlen zeigen nämlich, dass der Unterschied zwischen Bio und konventioneller Ware keineswegs eingebildet ist.
2023 wurden in Deutschland 19.112 Proben aus der konventionellen Produktion und 3.138 Bio-Proben ausgewertet.
Bei den konventionellen Proben enthielten 64,1 Prozent quantifizierbare Pflanzenschutzmittelrückstände.
Bei den Bio-Proben waren es 28,0 Prozent.
Umgekehrt waren 72 Prozent der Bio-Proben ohne quantifizierbare Rückstände, bei konventionellen Produkten lediglich 35,9 Prozent.
Das bedeutet nicht automatisch, dass 64,1 Prozent der konventionellen Lebensmittel akut giftig waren.
Aber es bedeutet verdammt noch einmal, dass es einen messbaren Unterschied gibt.
Und warum sehe ich diesen Unterschied nicht beim Einkauf?
„Zugelassen“ ist keine ausreichende Verbraucherinformation
Politik und Behörden argumentieren gern mit Grenzwerten.
- Zugelassen
- Geprüft.
- Unterhalb des Rückstandshöchstgehalts.
- Gesetzeskonform
Aber das beantwortet meine eigentliche Frage als Verbraucher nicht:
Will ich diese Stoffe täglich mitessen?
Ein Grenzwert beantwortet eine regulatorische Frage.
Er beantwortet nicht meine persönliche Kaufentscheidung.
Und er sagt mir auch nicht auf den ersten Blick, ob ein Produkt einen einzigen Rückstand, mehrere Wirkstoffe oder gar keine messbaren Rückstände enthält.
Genau diese Information wird mir vorenthalten.
Und damit beginnt die politische Verantwortung
Denn dieses System ist nicht vom Himmel gefallen.
Gesetze wurden geschrieben.
Kennzeichnungsregeln wurden beschlossen.
Agrarsubventionen wurden verteilt.
Produktionsweisen wurden jahrzehntelang gefördert.
Handelsstrukturen wurden geschaffen.
Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft wurden auf Masse, Effizienz, Standardisierung und niedrige Stückpreise getrimmt.
Und anschließend erzählt man den Verbrauchern:
Der Markt regelt das.
Nein.
Der Markt kann nur das regeln, was der Käufer überhaupt erkennen kann.
Ein Markt ohne ausreichende Information ist kein wirklich informierter Markt.
Auch bei industriellen Lebensmitteln wissen wir weniger, als viele glauben
Natürlich gibt es Zutatenlisten.
Und Zusatzstoffe müssen grundsätzlich gekennzeichnet werden.
Aber auch hier existieren Ausnahmen.
Bestimmte Verarbeitungshilfsstoffe müssen beispielsweise nicht im Zutatenverzeichnis erscheinen. Gleiches kann für bestimmte Zusatzstoffe gelten, die lediglich über eine andere Zutat in das Lebensmittel gelangen und im Endprodukt keine technologische Funktion mehr haben.
Das bedeutet:
Die Zutatenliste ist wichtig – aber sie ist nicht zwangsläufig die vollständige Geschichte jedes Stoffes, der während der industriellen Herstellung eine Rolle gespielt hat.
Und genau darüber müsste viel offener gesprochen werden. Bio heißt nicht automatisch getrennte Produktion
Was viele Verbraucher vermutlich ebenfalls nicht wissen:
Bio-Produkte können in denselben Betrieben und teilweise sogar auf denselben Produktionsanlagen verarbeitet werden wie konventionelle Lebensmittel.
Vorgeschrieben sind Trennung, geeignete Reinigung und Maßnahmen gegen Vermischung. Trotzdem kennen wir aus dem Alltag Hinweise wie:
„Kann Spuren von Milch, Ei, Nüssen oder anderen Allergenen enthalten.“
Solche Angaben zeigen, dass Kreuzkontakte in industriellen Produktionsprozessen trotz Reinigung grundsätzlich möglich bleiben können.
Das bedeutet nicht automatisch, dass unsauber gearbeitet wurde.
Aber es zeigt sehr deutlich:
Eine gemeinsame industrielle Verarbeitung ist eben keine vollkommen abgeschottete Welt.
Gerade deshalb wäre mehr Transparenz sinnvoll.
Warum soll der Verbraucher nicht erfahren, ob ein Bio-Produkt in einem reinen Bio-Betrieb hergestellt wurde oder in einer großen Fabrik, in der auf denselben Anlagen auch konventionelle Produkte laufen?
Bio beschreibt vor allem bestimmte Regeln für Zutaten und Herstellung – es bedeutet nicht automatisch kleine Manufaktur, handwerkliche Verarbeitung oder eine vollständig getrennte Produktionsumgebung.
Auch das gehört für mich auf den Tisch, wenn wir ernsthaft über ehrliche Lebensmittelkennzeichnung sprechen.
Unsere Nahrung wurde zum Industrieprodukt
Wir müssen uns außerdem fragen, warum ein immer größerer Teil unserer Nahrung überhaupt derart stark verarbeitet werden muss.
- Aromen
- Emulgatoren
- Farbstoffe
- Stabilisatoren
- Süßstoffe.
- Verdickungsmittel
- Konservierungsstoffe
- Modifizierte Stärken.
- Protein-Isolate.
- Geschmacksverstärker.
- Technologische Hilfsmittel.
Am Ende steht auf der Packung noch immer „Lebensmittel“.
Aber häufig hat dieses Produkt mit der ursprünglichen Pflanze, dem Getreide oder der einfachen Mahlzeit nur noch wenig gemeinsam.
Und inzwischen wächst auch wissenschaftlich die Sorge um einen hohen Konsum ultrahochverarbeiteter Lebensmittel.
Die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO berichtete unter anderem über Zusammenhänge zwischen einem höheren Verzehr ultrahochverarbeiteter Lebensmittel und Gewichtszunahme beziehungsweise Übergewicht. Weitere große europäische Untersuchungen fanden Zusammenhänge mit kardiometabolischen Erkrankungen und einer erhöhten Sterblichkeit.
Das beweist nicht, dass irgendeine einzelne E-Nummer Herzkrankheiten verursacht.
Aber es ist mehr als genug Grund, unser gesamtes Ernährungssystem politisch zu hinterfragen.
Die Industrie verdient – die Gesellschaft trägt die Folgen
Hier wird es politisch.
Wer verdient an:
- Pflanzenschutzmitteln?
- Düngemitteln?
- Saatgut?
- Tierfutter?
- Lebensmittelzusatzstoffen?
- Aromen?
- Fertigprodukten?
- Verarbeitung?
- Verpackung?
- Marketing?
- Immer längeren Lieferketten?
An jeder zusätzlichen Stufe entsteht ein Geschäft.
Aber wer bezahlt die Rechnung, wenn das Gesamtsystem Schäden produziert?
- Der Bürger.
- Die Krankenkasse.
- Der Steuerzahler.
- Der Landwirt.
- Die Tiere.
- Das Grundwasser.
- Die Böden.
- Die kommenden Generationen.
Gewinne werden privatisiert – Folgekosten werden gesellschaftlich verteilt.
Genau dieses Prinzip gehört politisch auf den Tisch.
Die WHO spricht inzwischen selbst von den „kommerziellen Determinanten der Gesundheit“: Unternehmensentscheidungen bei Produktion, Preisgestaltung und Vermarktung können Ernährungsumgebungen beeinflussen und damit auch das Risiko für unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Adipositas.
Und die Bauern?
Ich sehe die Bauern dabei nicht als Hauptschuldige.
Viele sind längst Gefangene desselben Systems.
Sie wurden über Jahrzehnte auf Wachstum getrimmt:
- Mehr Fläche.
- Mehr Tiere.
- Größere Maschinen.
- Höhere Investitionen.
- Höhere Kredite.
- Höhere Erträge.
- Niedrigere Stückkosten.
- Weltmarkt
- Massenproduktion
Und wenn dieses Modell ökologische Probleme erzeugt, kommt die Politik und erlässt die nächste Vorschrift.
Das ist geradezu absurd.
Erst schafft Politik die Abhängigkeit – dann bestraft sie diejenigen, die darin feststecken.
Monokultur ist kein Fortschritt
Eine lebendige Landwirtschaft funktioniert nicht wie eine Fabrikhalle.
- Böden leben.
- Pflanzen stehen miteinander in Wechselwirkung.
- Insekten erfüllen Aufgaben.
- Pilze erfüllen Aufgaben.
- Vögel erfüllen Aufgaben.
- Hecken erfüllen Aufgaben.
- Fruchtfolgen erfüllen Aufgaben.
- Nützlinge erfüllen Aufgaben.
Doch wir haben vielerorts versucht, aus komplexen Ökosystemen möglichst berechenbare Produktionsflächen zu machen.
Dann verschwinden Vielfalt und natürliche Regulation.
Und anschließend benötigen wir wiederum technische oder chemische Lösungen, um die Probleme dieser Vereinfachung zu kontrollieren.
Wir behandeln die Folgen eines Systems mit Produkten, die wiederum Teil desselben Systems sind.
Das ist kein Fortschritt.
Das ist eine Sackgasse.
Permakultur statt Reparaturindustrie
Warum fließen nicht viel größere politische und wissenschaftliche Anstrengungen in Systeme, die möglichst wenig externe Betriebsmittel brauchen?
- Permakultur
- Agroforst
- Mischkulturen
- Vielfältige Fruchtfolgen.
- Humusaufbau
- Hecken
- Blühflächen.
- Regionale Kreisläufe.
- Direktvermarktung
- Robuste Sorten.
- Natürliche Schädlingsregulation.
- Kleinere Tierbestände.
- Flächengebundene Tierhaltung.
- Das eigentliche Ziel müsste doch sein:
Ein Landwirtschaftssystem zu schaffen, das immer weniger Reparaturmittel benötigt.
Nicht eines, bei dem für jedes neue Problem das nächste Produkt verkauft wird.
Massentierhaltung ist dieselbe Fehlentwicklung
Auch das gehört in diese Anklage.
Wir haben Tiere zu Produktionseinheiten gemacht.
- Milchleistung
- Mastleistung
- Legeleistung
- Schlachtgewicht
- Futterverwertung
- Stückkosten.
- Immer wird gerechnet.
Aber irgendwann muss eine Gesellschaft sich fragen:
Was ist eigentlich mit dem Tier passiert?
Und was ist mit der Würde einer Landwirtschaft passiert, die einmal darin bestand, Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander zu versorgen?
Massentierhaltung ist kein Naturgesetz.
Sie ist Ergebnis eines Wirtschaftssystems.
Und dieses Wirtschaftssystem wurde politisch ermöglicht.

Billiges Essen ist eine politische Illusion
Dann kommt das klassische Argument:
Bio ist zu teuer.
Nein.
Vielleicht ist konventionelle industrielle Nahrung teilweise einfach künstlich zu billig.
Denn viele Folgekosten stehen nicht auf dem Kassenzettel.
- Belastetes Grundwasser? Zahlt die Gesellschaft.
- Artenverlust? Steht auf keiner Quittung.
- Bodenschäden? Tauchen nicht auf dem Gurkenpreis auf.
- Tierleid? Keine Position auf dem Preisschild.
Gesundheitskosten einer insgesamt schlechten Ernährungsweise?
Tauchen ebenfalls nicht auf der Packung auf.
Das nennen wir dann:
billiges Essen.
In Wahrheit wurde ein Teil der Rechnung nur ausgelagert.
Das ist die politische Anklage
Meine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen den einzelnen Bauern.
Sie richtet sich gegen ein System aus Politik, Agrarindustrie, Lebensmittelindustrie und Handel, das über Jahrzehnte Bedingungen geschaffen hat, in denen eine hochindustrialisierte Landwirtschaft zum Normalfall wurde.
Und ausgerechnet dieser Normalfall muss sich heute am wenigsten erklären.
Das ist verkehrt herum.
Dreht die Kennzeichnung um
Ich fordere deshalb eine radikal andere Lebensmitteltransparenz.
Nicht Bio sollte die große Ausnahmeerklärung tragen.
Konventionelle und industrielle Produktionsweisen müssen sichtbar werden.
Der Verbraucher sollte unmittelbar erkennen können:
- wie ein Lebensmittel angebaut wurde,
- welche Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden,
- ob Rückstände nachgewiesen wurden,
- welche Wirkstoffe gefunden wurden,
- wie stark ein Lebensmittel industriell verarbeitet wurde,
- welche technologischen Hilfsmittel bei seiner Herstellung eingesetzt wurden,
- woher die wesentlichen Rohstoffe stammen,
- wie Tiere gehalten wurden.
Dann kann der Bürger entscheiden.
Und vielleicht ist genau das der Punkt:
Ein wirklich informierter Verbraucher wäre für manche Geschäftsmodelle ausgesprochen unbequem.
Bio muss nicht perfekt sein
Auch ökologische Landwirtschaft ist nicht vollkommen.
Auch dort gibt es Pflanzenschutz.
Auch dort gibt es industrielle Betriebe.
Auch dort gibt es Probleme.
Aber darum geht es überhaupt nicht.
Es geht um die politische Richtung.
Wollen wir Landwirtschaft immer weiter industrialisieren und ihre Folgen anschließend verwalten?
Oder wollen wir Landwirtschaft wieder so gestalten, dass sie langfristig mit der Natur statt gegen ihre grundlegenden Kreisläufe arbeitet?
Vielleicht haben wir den Normalfall falsch definiert
Heute lautet die Botschaft:
Bio ist etwas Besonderes.
Ich sage:
Vielleicht ist nicht Bio besonders.
Vielleicht ist eine Landwirtschaft besonders erklärungsbedürftig, die Böden vereinheitlicht, Tiere industrialisiert, Pflanzen chemisch schützt, Lebensmittel hochgradig verarbeitet und anschließend die Folgen dieses Systems mit immer neuen Vorschriften und Produkten bekämpfen muss.
Nicht Bio gehört auf den Rechtfertigungsstuhl.
Dort gehören Politik und Industrie hin.
Sie sollten erklären,
warum aus Nahrung ein Industriezweig wurde,
warum Verbraucher nicht sämtliche relevanten Produktionsinformationen erhalten,
warum Bauern in immer stärkere Abhängigkeiten gedrängt wurden,
warum ökologische Folgekosten nicht im Preis auftauchen
und
warum ausgerechnet diejenige Landwirtschaft ein besonderes Siegel braucht, die versucht, einen Teil dieser Fehler wieder rückgängig zu machen.
Vielleicht ist es höchste Zeit, die Beweislast umzudrehen.
Nicht Bio muss erklären, warum es anders ist.
Politik und Industrie müssen erklären, warum sie das heutige System überhaupt zum Normalzustand gemacht haben.
