Der Pilz, der teurer als Gold sein kann – und dessen Sammler trotzdem immer ärmer werden

Es gibt Lebensmittel, Heilpflanzen und Gewürze, für die Menschen erstaunliche Preise bezahlen. Safran gehört dazu, Trüffel ebenso.

Doch hoch oben im Himalaya wächst – genauer gesagt: entsteht – etwas, das noch ungewöhnlicher ist.

Ophiocordyceps sinensis, in Nepal meist Yarsagumba genannt.

Er ist halb Raupe, halb Pilz – zumindest sieht das Endprodukt so aus. Und besonders hochwertige Exemplare wurden zeitweise zu Preisen gehandelt, die pro Kilogramm sogar über dem Goldpreis lagen. Wissenschaftliche Untersuchungen beschrieben schon vor Jahren Verkaufspreise von mehreren Zehntausend Dollar pro Kilogramm.

Doch 2026 zeigt sich eine merkwürdige Entwicklung:

Der Pilz wird immer seltener – aber diejenigen, die ihn unter Lebensgefahr sammeln, verdienen teilweise immer weniger daran.

Was ist Yarsagumba überhaupt?

Die Geschichte beginnt nicht mit einem Pilz, sondern mit einer Raupe.

Die Larven bestimmter Nachtfalter leben unterirdisch in den Hochgebirgsböden des Himalaya und des tibetischen Hochplateaus.

Dann befällt sie der Pilz Ophiocordyceps sinensis.

Er wächst im Körper der Raupe, tötet sie schließlich und durchzieht ihren Körper mit Pilzgewebe.

Aus der mumifizierten Raupe wächst anschließend ein dünner, dunkler Fruchtkörper aus dem Boden.

Und genau dieses merkwürdige Gebilde wird gesammelt.

Yarsagumba kommt hauptsächlich in Höhen von ungefähr 3.000 bis 5.000 Metern vor. Sein natürliches Verbreitungsgebiet umfasst unter anderem Tibet beziehungsweise China, Nepal, Bhutan und Teile Indiens.

Eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Maschinen helfen den Sammlern kaum.

Wer Yarsagumba finden will, muss teilweise stundenlang gebückt oder auf allen vieren über alpine Wiesen kriechen und nach einem wenige Zentimeter großen Fruchtkörper Ausschau halten.

Dafür ziehen jedes Jahr Tausende Menschen für Wochen in die Berge.

2026 waren allein in den wichtigen Sammelgebieten der nepalesischen Gemeinde Mugum Karmarong rund 4.000 Sammler unterwegs.

Doch viele gaben frühzeitig auf.

Nach Angaben der Gemeinde hatten etwa 70 Prozent die Hochweiden bereits vorzeitig verlassen, weil sie kaum noch Yarsagumba fanden.

Eine Familie aus Mugu suchte beispielsweise zwei Wochen lang mit vier Personen.

Ihre Ausbeute:

210 Stück.

Dafür mussten sie einen dreitägigen Fußmarsch bewältigen, Lebensmittel und Ausrüstung in die Berge transportieren und unter extremen Bedingungen leben.

Andere Sammler berichteten, dass sie an manchen Tagen kein einziges Exemplar fanden.

Vier Tote in einer Erntesaison

Das klingt romantischer, als es tatsächlich ist.

Die Menschen arbeiten in großer Höhe, bei Schnee und Kälte, auf gefährlichen Berghängen und teilweise weit entfernt von medizinischer Versorgung.

Allein während der Erntesaison 2026 starben in den nepalesischen Distrikten Dolpa und Mugu vier Sammler an den Folgen der Höhe.

Fast 50 weitere Menschen mussten wegen höhenbedingter Erkrankungen gerettet werden.

Und dafür gibt es keineswegs automatisch ein Vermögen.

700 bis 1.000 Rupien – für den Sammler

Die Sammler erhielten 2026 laut Kathmandu Post für frische Exemplare ungefähr 700 bis 1.000 nepalesische Rupien pro Stück.

Gleichzeitig berichten Händler von fallenden Preisen.

Hochwertige Ware wurde demnach vor zwei Jahren noch mit etwa 2,7 Millionen Rupien pro Kilogramm gehandelt.

Im vergangenen Jahr waren es etwa 2,4 Millionen Rupien.

Für 2026 erwarten Händler wegen der schlechteren Qualität teilweise einen weiteren Preisrückgang.

Das wirkt zunächst völlig widersinnig:

Weniger Pilze müssten doch eigentlich höhere Preise bedeuten.

Aber so einfach funktioniert dieser Markt offenbar nicht.

Zwischen dem Menschen, der im Himalaya auf dem Boden liegt und einen einzelnen Pilz ausgräbt, und dem Kunden, der später ein Luxusprodukt kauft, liegen Händler, Zwischenhändler, Sortierung, Transport und der große chinesische Absatzmarkt.

Ein Händler aus Dolpa beklagte gegenüber der Kathmandu Post ausdrücklich, dass die Sammler und lokalen Händler wesentlich bessere Preise erzielen könnten, wenn sie direkt an Käufer in China verkaufen könnten.

Warum wird Yarsagumba immer seltener?

Auch diese Geschichte beginnt nicht erst 2026.

Schon Untersuchungen aus Nepal zeigten einen deutlichen Rückgang.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung gaben 95,1 Prozent der befragten Sammler an, dass die Verfügbarkeit des Raupenpilzes zurückgegangen sei.

Als mögliche Ursachen werden mehrere Faktoren diskutiert:

Übermäßige Sammlung, Veränderungen und Beschädigungen der alpinen Lebensräume, intensive Beweidung und klimatische Veränderungen.

Neuere Klimamodelle kommen ebenfalls zu einem problematischen Ergebnis.

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung modellierte die zukünftigen Lebensräume von Ophiocordyceps sinensis im Hindukusch-Himalaya. Unter allen untersuchten Klimaszenarien nahm die insgesamt geeignete Fläche ab; geeignete Lebensräume könnten sich außerdem räumlich und in größere Höhen verschieben.

Und damit entsteht ein Teufelskreis:

Weniger Pilze → mehr Konkurrenz unter den Sammlern → intensivere Suche → stärkere Belastung der Hochweiden → möglicherweise noch schlechtere Bedingungen für den Pilz.

Ein Pilz als Lebensversicherung ganzer Familien

Für uns wirkt Yarsagumba vielleicht wie ein skurriles Luxusprodukt.

Für viele Familien im Himalaya ist er etwas völlig anderes.

Einkommen.

Teilweise eines der wichtigsten Einkommen des ganzen Jahres.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, wie abhängig manche ländlichen Regionen Tibets und Nepals wirtschaftlich vom Raupenpilz geworden sind.

Genau deshalb ist der Rückgang so problematisch.

Ein Sammler aus Nepal berichtete 2026, seine Familie habe im vergangenen Jahr noch rund 350.000 Rupien mit Yarsagumba verdient. Dieses Jahr war die Ausbeute erheblich schlechter.

Ein anderer Sammler erzählte, dass seine Familie inzwischen Angehörige zum Arbeiten nach Indien geschickt habe, weil die Einnahmen aus der Pilzernte nicht mehr reichen.

Hier geht es also längst nicht nur um einen seltenen Pilz.

Es geht um eine ganze Wirtschaftsstruktur.

Und dann kommt der Luxusmarkt

Am anderen Ende der Kette befindet sich eine völlig andere Welt.

Yarsagumba wird insbesondere in der traditionellen chinesischen Medizin hoch geschätzt und gilt als Prestigeprodukt.

Historisch wurden für außergewöhnlich hochwertige Ware Preise genannt, die über dem damaligen Goldpreis lagen.

Damit wird aus einer wenige Zentimeter langen, von einem Pilz befallenen Raupe eines der teuersten Naturprodukte der Erde.

Und genau darin steckt vielleicht die interessanteste Geschichte:

Der Wert eines Produktes sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie viel von diesem Wert bei den Menschen ankommt, die es überhaupt erst beschaffen.

Während irgendwo ein wohlhabender Käufer sehr viel Geld für einige Gramm bezahlt, liegt einige Tausend Kilometer entfernt ein Mensch auf 4.500 Metern Höhe im Schnee und sucht stundenlang nach einem einzigen Exemplar.

Das ist eine ziemlich bemerkenswerte Wertschöpfungskette.

Wird der echte Yarsagumba irgendwann unbezahlbar?

Vielleicht.

Vielleicht passiert aber auch etwas anderes.

Der enorme Preis hat längst dazu geführt, dass an kultivierten Cordyceps-Produkten und Pilzkulturen gearbeitet wird.

Damit könnte zumindest ein Teil der Nachfrage künftig gedeckt werden, ohne jedes einzelne Naturprodukt aus den empfindlichen Hochgebirgswiesen holen zu müssen.

Der wilde Ophiocordyceps sinensis dürfte trotzdem etwas Besonderes bleiben.

Denn er braucht ein ausgesprochen spezielles Zusammenspiel aus Klima, Hochgebirgsboden, Raupen und Pilz.

Man kann also nicht einfach irgendwo eine Pilzfarm bauen und denselben natürlichen Prozess beliebig reproduzieren.

Und wenn seine natürlichen Lebensräume tatsächlich weiter schrumpfen, könnte ausgerechnet eines passieren:

Der Pilz wird noch seltener und wertvoller – während die Menschen in seinen Herkunftsgebieten ihre bisherige Lebensgrundlage verlieren.

Das wäre die eigentliche Ironie dieser Geschichte.

Noch mehr aus dem Himalaya

Der Himalaya ist kein starres Gebirge. Gletscher, Permafrost, Wasser und ganze Berghänge verändern sich ständig.

https://wiensworld.de/der-berg-lebt-warum-der-himalaya-niemals-wirklich-stillsteht

Damit bleiben beide Geschichten miteinander verbunden, ohne zu behaupten, dass das aktuelle Naturereignis etwas mit der Yarsagumba-Ernte oder seinem Preis zu tun hat.

 

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