Die Psychopathin, die keiner erkennt – wurde jahrzehntelang am falschen Geschlecht gemessen?

Wenn wir das Wort Psychopath hören, haben viele sofort ein bestimmtes Bild im Kopf:

männlich, aggressiv, kriminell, gefühlskalt, vielleicht sogar gewalttätig.

Doch genau dieses Bild könnte Teil des Problems sein.

Denn ein großer Teil der frühen Psychopathieforschung entstand aus Untersuchungen an männlichen Straftätern und Gefängnisinsassen.

Und damit stellt sich eine ziemlich unbequeme Frage:

Was passiert, wenn man ein psychologisches Messinstrument hauptsächlich an Männern entwickelt – und es anschließend auf Frauen anwendet?

Vielleicht übersieht man dann genau diejenigen, die nicht in das männlich geprägte Muster passen.

Psychopathie muss nicht laut sein

Der britische Forscher Clive Boddy vertritt die Auffassung, dass weibliche Psychopathie deutlich häufiger vorkommen könnte, als lange angenommen.

Dabei geht es weniger um offene Gewalt.

Im Mittelpunkt stehen sogenannte primäre psychopathische Merkmale wie:

  • geringe Empathie,
  • emotionale Kälte,
  • Manipulation,
  • Täuschung,
  • oberflächlicher Charme,
  • instrumenteller Umgang mit anderen Menschen.

Und genau hier könnte ein Unterschied liegen.

Während Männer mit stark ausgeprägten psychopathischen Merkmalen statistisch häufiger durch offene Aggression, Kriminalität oder antisoziales Verhalten auffallen, könnten entsprechende Eigenschaften bei Frauen teilweise sozial wesentlich unauffälliger auftreten.

Nicht der Faustschlag.

Sondern die Intrige.

Nicht die offene Drohung.

Sondern Manipulation.

Nicht körperliche Gewalt.

Sondern Rufschädigung, soziale Kontrolle oder gezielte Täuschung.

Das macht das Verhalten nicht automatisch weniger zerstörerisch.

Es macht es nur schwerer erkennbar.

Haben wir Psychopathie jahrzehntelang falsch gesucht?

Genau darin steckt die eigentlich interessante gesellschaftliche Frage.

Vielleicht haben wir nicht nur zu wenige psychopathische Frauen gefunden.

Vielleicht haben wir nach den falschen Merkmalen gesucht.

Wenn Forschung jahrzehntelang vor allem fragt:

Wer ist gewalttätig?

Wer wird straffällig?

Wer sitzt im Gefängnis?

dann werden zwangsläufig Menschen übersehen, deren Manipulation innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Strukturen stattfindet.

Am Arbeitsplatz.

In Beziehungen.

In Familien.

In Organisationen.

Oder dort, wo sozialer Einfluss wichtiger ist als körperliche Stärke.

Die Schlagzeile „fünfmal mehr Frauen“ braucht trotzdem Vorsicht

Hier sollte man nicht denselben Fehler machen wie manche Telegram-Kanäle und aus einer Forschungsdebatte sofort eine neue unumstößliche Wahrheit bauen.

Boddy kommt bei bestimmten Auswertungen zu einem Verhältnis von ungefähr 1,2 Männern zu einer Frau und damit zu wesentlich höheren Frauenanteilen als ältere Schätzungen.

Daraus entstand die Schlagzeile:

„Bis zu fünfmal mehr weibliche Psychopathen als bisher angenommen.“

Das ist interessant.

Aber es ist kein endgültig bewiesener wissenschaftlicher Konsens.

Andere Fachleute halten diese Hochrechnung für zu weitgehend.

Dass frühere Forschung stark männerzentriert war, ist eine berechtigte Kritik.

Ob daraus tatsächlich folgt, dass Frauen beinahe ebenso häufig psychopathische Merkmale aufweisen wie Männer, ist dagegen weiterhin Gegenstand der Forschung.

Und genau hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem der Wissenschaft

Wissenschaft misst nicht im luftleeren Raum.

Sie entwickelt Kategorien.

Sie definiert Kriterien.

Sie entscheidet, welche Menschen untersucht werden.

Und daraus entstehen anschließend unsere Vorstellungen davon, was „typisch“ ist.

Wenn eine Stichprobe überwiegend aus männlichen Straftätern besteht, ist es kaum überraschend, wenn anschließend auch die Beschreibung des Phänomens stark männlich geprägt ist.

Das bedeutet nicht, dass die Forschung wertlos war.

Aber es bedeutet:

Unsere Messinstrumente können blinde Flecken haben.

Und diese blinden Flecken können Jahrzehnte überleben.

Frauen sind nicht automatisch empathischer

Auch gesellschaftlich hält sich hartnäckig die Vorstellung:

Frauen seien von Natur aus fürsorglicher, emotionaler und empathischer.

Männer dagegen aggressiver und gefühlskälter.

Solche Durchschnittsunterschiede dürfen aber niemals dazu führen, dass problematische Persönlichkeitsmerkmale bei einem Geschlecht praktisch ausgeblendet werden.

Eine Frau kann ebenso manipulativ, gefühlskalt oder ausbeuterisch handeln wie ein Mann.

Nur möglicherweise anders.

Und genau deshalb sollte man Verhalten beurteilen – nicht Geschlechterklischees.

Besonders problematisch: soziale Manipulation hinter einer perfekten Fassade

Ein Mensch mit ausgeprägten psychopathischen Merkmalen muss keineswegs wie ein Bösewicht auftreten.

Im Gegenteil.

Oberflächlicher Charme kann gerade bedeuten, dass die Person zunächst besonders sympathisch, kompetent oder überzeugend wirkt.

Wer Beziehungen gezielt instrumentalisiert, braucht häufig eine gute soziale Fassade.

Das könnte erklären, weshalb manche Menschen jahrelang als ausgesprochen angenehm gelten, während einzelne Personen in ihrem direkten Umfeld vollkommen andere Erfahrungen machen.

Das heißt natürlich nicht:

Charmante Frau = Psychopathin.

Eine solche Gleichung wäre Unsinn.

Entscheidend ist ein dauerhaftes Muster verschiedener Merkmale und Verhaltensweisen – und eine seriöse Diagnose gehört ohnehin in professionelle Hände.

Gefährlich wird es, wenn Forschung zur Geschlechterwaffe wird

Ebenso falsch wäre jetzt die Gegenbewegung:

„Seht ihr, Frauen sind eigentlich genauso schlimm.“

Damit wäre nichts gewonnen.

Die interessante Erkenntnis lautet nicht:

Frauen sind böser als gedacht.

Sondern:

Möglicherweise haben wir bestimmte problematische Verhaltensmuster bei Frauen schlechter erkannt, weil unsere Vorstellungen und Messmethoden zu stark an männlichen Erscheinungsformen orientiert waren.

Das ist ein großer Unterschied.

Was wir daraus lernen könnten

Vielleicht sollten wir generell vorsichtiger mit unseren Schubladen werden.

Gewalt muss nicht körperlich sein.

Manipulation muss nicht laut sein.

Missbrauch von Macht muss nicht sichtbar sein.

Und ein freundliches Auftreten sagt noch nichts über Empathie oder Motive eines Menschen aus.

Umgekehrt darf natürlich auch niemand aufgrund einzelner unsympathischer Eigenschaften zum „Psychopathen“ erklärt werden.

Psychopathische Merkmale existieren auf einem Spektrum – und nicht jeder egoistische, manipulative oder gefühlskalte Mensch erfüllt entsprechende diagnostische Kriterien.

Die spannendste Frage bleibt

Vielleicht lautet die eigentliche Geschichte deshalb gar nicht:

„Es gibt fünfmal mehr weibliche Psychopathen.“

Sondern:

Wie viel von dem, was wir über menschliches Verhalten zu wissen glauben, hängt davon ab, wen wir ursprünglich untersucht haben?

Wenn Forschung jahrzehntelang den Mann zum Ausgangspunkt macht, können weibliche Erscheinungsformen unsichtbar bleiben.

Und wenn gesellschaftliche Erwartungen Frauen automatisch mit Fürsorge, Empathie und Emotionalität verbinden, können bestimmte Verhaltensweisen zusätzlich durch dieses Raster fallen.

Das wäre dann kein Beweis dafür, dass Frauen heimlich die gefährlicheren Psychopathen sind.

Es wäre etwas wissenschaftlich viel Interessanteres:

ein Hinweis darauf, dass selbst unsere Vorstellungen von Persönlichkeit durch die Brille geprägt werden können, durch die wir sie betrachten.

Und genau deshalb lohnt sich diese Debatte.

Nicht um Frauen zu dämonisieren.

Sondern um endlich genauer hinzusehen.

 

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Kategorisiert als Bewegendes

Von Wiensworld

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