Wer bestimmt, wer wir sind? Von Lilith, Personalausweisen und dem Mann vom andern Stern

Der Blick von außen

Neulich mußte ich wieder an den alten Heinz-Rühmann-Film Der Herr vom andern Stern denken. Falls Ihr ihn nicht kennt: Ein Besucher von einem anderen Stern landet auf der Erde und betrachtet unsere Welt mit völlig fremden Augen. Genau das macht den Film so faszinierend. Denn plötzlich werden Dinge hinterfragt, die wir längst als selbstverständlich hinnehmen.

Stellt Euch vor, Ihr landet morgen auf einem fremden Planeten. Kaum angekommen, treten die Bewohner auf Euch zu und stellen die erste Frage:

„Können Sie sich ausweisen?“

Wahrscheinlich würdet Ihr zunächst verwundert schauen und antworten:

„Warum? Ich weiß doch, wer ich bin.“

Die Antwort der Bewohner könnte jedoch lauten:

„Das mag sein. Aber wir wissen es nicht.“

Und genau an dieser Stelle wird es spannend.

Wer bin ich ohne meine Dokumente?

Wir leben in einer Welt, in der Identität ständig nachgewiesen werden muß. Wir besitzen Geburtsurkunden, Ausweise, Steuer-Identifikationsnummern, Kundenkonten, Passwörter und Mitgliedsnummern. Kaum ein Bereich unseres Lebens kommt ohne irgendeine Form der Registrierung aus.

Doch wann habt Ihr Euch zuletzt gefragt, warum das eigentlich so ist?

Wenn morgen sämtliche Dokumente verschwinden würden, wärt Ihr dann plötzlich ein anderer Mensch?

Natürlich nicht.

Eure Erinnerungen wären noch da. Eure Erfahrungen ebenfalls. Eure Träume, Eure Hoffnungen, Eure Eigenheiten und Euer Humor hätten sich nicht verändert. Das alles steht auf keinem Ausweis dieser Welt.

Ein Dokument beschreibt einen Menschen. Es erschafft ihn nicht.

Warum gibt es überhaupt Ausweise?

Trotzdem haben Ausweise ihren Ursprung nicht in Mißtrauen, sondern in einem ganz praktischen Problem. Früher lebten Menschen meist in kleinen Gemeinschaften. Der Müller kannte den Schmied, der Schmied kannte den Bauer und der Bauer kannte den Lehrer. Wer jemand war, wußte man aus eigener Erfahrung.

Heute funktioniert das nicht mehr. Die Verkäuferin im Supermarkt kennt Euch nicht. Die Bank kennt Euch nicht persönlich. Die Behörde kennt Euch ebenfalls nicht. Deshalb wurden Namen, Register, Urkunden und Ausweise geschaffen. Sie sollten Vertrauen nicht ersetzen, sondern Orientierung ermöglichen.

Doch manchmal frage ich mich, ob wir dabei etwas Wichtiges vergessen haben.

Nämlich, daß zwischen zwei Aktenordnern immer noch ein Mensch sitzt.

Mann vom andern Stern Heinz RühmannVertrauen kann man nicht drucken

Denn Vertrauen entsteht nicht durch Plastik, Stempel oder Unterschriften. Vertrauen entsteht durch Begegnungen. Durch Ehrlichkeit. Durch Erfahrungen. Durch Menschen, die ihr Wort halten.

Deshalb vertrauen wir einem guten Freund oft mehr als einem perfekt ausgefüllten Formular.

Lilith und die Frage nach der Freiheit

Und genau hier mußte ich plötzlich an Lilith denken.

Nicht an die Dämonin, als die sie oft dargestellt wird. Sondern an das Weib, das einer alten Überlieferung zufolge eine einfache Frage stellte:

„Warum soll ich weniger sein als ich bin?“

Vielleicht ist das dieselbe Frage, die uns auch heute noch begleitet.

Wer bestimmt eigentlich, wer wir sind?

Wer bestimmt eigentlich, wer wir sind?

Die Gesellschaft?

Der Staat?

Die Tradition?

Unsere Familie?

Oder wir selbst?

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert als Bewegendes

Von Wiensworld

Selbst und das ständig!