Eine unbequeme Lesart über Lockung, Gewalt und das Nicht-Gehörtwerden eines Kindes
Ein Gedicht mit einer zweiten Ebene
Fast jeder kennt Goethes „Erlkönig“ aus der Schule. Meist wird die Ballade als unheimliche Geschichte über einen fiebernden Jungen erklärt, der auf einem nächtlichen Ritt Gestalten sieht und schließlich stirbt.
Doch möglicherweise erzählt Goethe noch von etwas anderem: von der Angst eines Kindes, das eine Bedrohung deutlich wahrnimmt, während der Erwachsene an seiner Seite diese immer wieder verharmlost.
Der Erlkönig lockt das Kind
Der Erlkönig bedroht den Jungen nicht sofort. Zunächst versucht er, ihn zu gewinnen. Er spricht freundlich, verspricht Spiele, bunte Blumen und schöne Gewänder. Danach bringt er seine Töchter ins Spiel:
„Meine Töchter sollen dich warten schön.“
Die Sprache wirkt fürsorglich und verführerisch. Der Erlkönig stellt dem Kind eine schöne Welt in Aussicht. Doch als das Kind sich nicht gewinnen läßt, verändert sich sein Ton:
„Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“
Spätestens an dieser Stelle wird aus der Lockung ein offener Übergriff.
Der Vater hört die Angst, versteht sie aber nicht
Der Sohn berichtet seinem Vater mehrfach, was er sieht und hört. Der Vater antwortet jedoch mit vernünftigen Erklärungen:
Der Nebelstreif wird zur Gestalt, das Rascheln der Blätter zum Flüstern und die Weidenbäume zu den Töchtern des Erlkönigs.
Der Vater will sein Kind beruhigen. Er handelt nicht absichtlich gefühllos. Trotzdem erkennt er die Gefahr nicht. Während der Junge immer verzweifelter wird, versucht der Vater weiterhin, dessen Wahrnehmung zu erklären.
Erst als das Kind sagt:
„Erlkönig hat mir ein Leids getan“
begreift der Vater, daß etwas geschehen ist. Doch da ist es bereits zu spät.

Goethe hatte eine ältere Vorlage
Goethe erfand die Gestalt des Erlkönigs nicht vollständig neu. Eine wichtige Vorlage war Johann Gottfried Herders Ballade „Erlkönigs Tochter“, die auf einem älteren dänischen Volkslied beruht.
Darin begegnet Herr Oluf auf dem Weg vor seiner Hochzeit der Tochter des Erlkönigs. Sie fordert ihn zum Tanz auf. Oluf lehnt ab, weil am nächsten Morgen seine Hochzeit stattfinden soll. Daraufhin schlägt sie ihn auf das Herz und spricht einen Fluch über ihn aus. Er kehrt nach Hause zurück und wird am folgenden Morgen tot aufgefunden.
Goethe übernahm damit das Grundmotiv einer übernatürlichen Gestalt, die zunächst lockt und anschließend Gewalt anwendet. Doch er veränderte die Handlung entscheidend: Aus dem erwachsenen Bräutigam wurde ein schutzbedürftiges Kind. Aus der Erlkönigstochter wurde der männliche Erlkönig. Und an die Seite des Kindes stellte Goethe einen Vater, der die Bedrohung nicht erkennt.
Eine mögliche Deutung, kein Beweis
Es läßt sich nicht beweisen, daß Goethe mit dem „Erlkönig“ ausdrücklich Kindesmißbrauch darstellen wollte. Die Ballade kann weiterhin als Geschichte über Krankheit, Todesangst oder eine übernatürliche Begegnung gelesen werden.
Doch die zweite Ebene ist nicht von der Hand zu weisen: Ein Erwachsener lockt ein Kind mit schönen Versprechen. Das Kind wehrt sich. Der Erwachsene droht mit Gewalt. Das Kind ruft um Hilfe, wird jedoch nicht verstanden.
Gerade diese Offenheit macht Goethes Ballade bis heute so eindringlich.
Goethes_Erlkoenig_Kindesmissbrauch_Vergleich
In der beigefügten PDF wird diese Deutung genauer untersucht. Sie enthält die vollständige Ballade „Erlkönigs Tochter“ von Herder, eine verständliche Erklärung ihrer Handlung, einen ausführlichen Vergleich mit Goethes „Erlkönig“ sowie eine Vers-für-Vers-Analyse.
Außerdem wird betrachtet, welche Rolle der Vater spielt, weshalb Kinder mit ihren Ängsten häufig nicht verstanden werden und wie sich das Geschehen psychologisch einordnen läßt.
Vielleicht besteht die eigentliche Tragik der Ballade deshalb nicht allein darin, daß das Kind stirbt. Sie liegt auch darin, daß es die Wahrheit die ganze Zeit ausspricht und dennoch nicht rechtzeitig verstanden wird.
Nicht das Kind schweigt. Der Erwachsene versteht zu spät.
