Unsere Kinder oder die Kontrolle des Netzes? Kinderschutz – daran gibt es keinen Zweifel

Frankreich verbietet soziale Netzwerke für Kinder unter 15 Jahren. Viele Menschen werden jetzt sagen: „Endlich! Es geht doch nur um den Schutz der Kinder.“ Und natürlich wollen wir alle unsere Kinder schützen. Daran gibt es keinen Zweifel.

Was mich jedoch beschäftigt, ist eine ganz andere Frage: Wann haben wir aufgehört zu glauben, dass Eltern ihre Kinder erziehen können?

Wir Erwachsenen liefen den Kindern hinterher

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als meine Kinder ihre ersten Erfahrungen im Internet machten. Mein Sohn war 12 Jahre alt, meine Tochter 15. Damals lockten Facebook und andere Plattformen gezielt junge Menschen an. Kein normaler Erwachsener aus meinem Bekanntenkreis hätte sich freiwillig bei Facebook angemeldet. Ich übrigens auch nicht.

Wir Erwachsenen sind den Kindern hinterhergelaufen.

Viele Eltern eröffneten sich erst ein Konto, um zu verstehen, was ihre Kinder dort eigentlich tun. Um bei Mobbing eingreifen zu können. Um Gespräche zu führen. Um ein Auge darauf zu haben, mit wem sie schreiben und was sie bewegt.

Das nennt man Erziehung.

Erst angelockt – jetzt ausgeschlossen

Heute wird so getan, als hätte die Gesellschaft plötzlich festgestellt, dass soziale Medien für Kinder gefährlich sind. Dabei ist das keine neue Erkenntnis. Die Kinder wurden über Jahre hinweg mit Likes, Aufmerksamkeit und sozialem Druck auf die Plattformen gelockt. Milliarden wurden damit verdient.

Nun soll der Staat das Problem lösen.

Eine Alterskontrolle für uns alle?

Ich frage mich allerdings, ob wir gerade eine Grenze überschreiten. Denn wie soll ein solches Verbot kontrolliert werden? Irgendjemand muss künftig prüfen, wie alt wir sind. Vielleicht mit einem Ausweis. Vielleicht mit einer digitalen Identität. Vielleicht mit einer Gesichtserkennung.

Aus einem Kinderschutzgesetz wird damit möglicherweise eine Alterskontrolle für alle.

Das ist der Punkt, an dem ich aufmerksam werde.

Denn heute sind es die unter 15-Jährigen. Morgen vielleicht die unter 18-Jährigen. Übermorgen bestimmte Inhalte nur noch nach Alters- oder Identitätsnachweis. Die Technik dafür wäre dann bereits vorhanden.

Wer entscheidet, was wir sehen dürfen?

Wer entscheidet künftig, wer was sehen darf? Wer entscheidet, was für uns richtig ist? Und ab welchem Punkt haben wir uns daran gewöhnt, dass immer mehr Lebensbereiche kontrolliert und reglementiert werden?

Ich bin nicht gegen den Schutz von Kindern. Im Gegenteil. Aber ich bin der Überzeugung, dass die wichtigste Schutzmaßnahme noch immer dieselbe ist wie vor 30 Jahren: interessierte Eltern, Gespräche und Begleitung.

Kinder brauchen Grenzen. Aber sie brauchen vor allem Erwachsene, die ihnen erklären, warum diese Grenzen existieren.

Der Staat kann Eltern unterstützen. Er sollte sie jedoch nicht ersetzen.

Aufmerksamkeit ist zur Währung geworden

Und vielleicht müssen wir uns auch eingestehen, dass soziale Netzwerke längst nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Sie sind zu riesigen Werbe- und Meinungsmaschinen geworden. Aufmerksamkeit ist zur Währung geworden, und wir bezahlen häufig mit unseren Daten, unserer Zeit und manchmal sogar mit unserem sozialen Frieden.

Vor fünf Jahren habe ich Facebook vollständig gelöscht. Nicht aus Protest. Sondern weil ich es schlicht nicht mehr brauche. Meine Kinder sind erwachsen. Ich muss niemandem beweisen, was ich esse, wohin ich reise oder was ich denke. Mein Leben findet nicht auf einem Bildschirm statt.

Die Welt hat sich dadurch kein bisschen verkleinert. Im Gegenteil, sie ist größer geworden.

Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu können

Vielleicht ist genau das die eigentliche Freiheit: selbst entscheiden zu können, woran wir teilnehmen und worauf wir bewusst verzichten.

Schützen wir unsere Kinder. Unbedingt. Aber vergessen wir dabei nicht, auch unsere Freiheit zu schützen. Denn beides gehört zusammen.

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Von Wiensworld

Selbst und das ständig!