Das Schweigegebot der Mutter – Teil 1

Warum mütterlicher Schmerz im Familiensystem nicht vorgesehen ist

Mütter dürfen vieles sein – nur nicht verletzt.
Sobald ihr Schmerz sichtbar wird, gilt er nicht mehr als Signal, sondern als Störung.

Solange sie funktionieren, organisieren, ausgleichen und tragen, bleibt alles ruhig.
Erst wenn sie beginnen, ihren eigenen Schmerz zu benennen, wird es unruhig.
Nicht, weil dieser Schmerz neu wäre – sondern weil er bislang unsichtbar war.

Die Mutter als stilles Zentrum des Systems

In vielen Familien ist die Mutter diejenige, die Konflikte auffängt.
Sie hört zu, erklärt, vermittelt, beruhigt.
Sie hält zusammen, was andere zerreißen.

Doch was passiert, wenn genau diese Person sagt:
Mir geht es nicht gut. Ich kann nicht mehr. Ich bin erschöpft.

Oft geschieht das nicht leise.
Oft erst dann, wenn die innere Mitte längst nicht mehr erreichbar ist.
Wenn das Außen ständig ruft, fordert, zieht.
Wenn Überforderung in Gereiztheit kippt.
Wenn Wut auftaucht – nicht aus Bosheit, sondern aus Verzweiflung.

Dann heißt es schnell:
• Du bist die Mutter, du mußt funktionieren.
• Du mußt die Verantwortung übernehmen.

So, als wäre Verantwortung etwas, das man einer Person dauerhaft übertragen kann –
ohne Rücksicht auf ihre Grenzen.

Wie Verantwortung zur Gewohnheit wird

Diese Verantwortung beginnt oft früh.
Viele Frauen übernehmen schon als Kinder zu viel:
Sie sorgen für Geschwister, wachsen als Schlüsselkind auf,
fangen emotionale Spannungen der Eltern mit auf.

Später wiederholt sich das Muster in der eigenen Familie.

Ein Baby kann keine Verantwortung übernehmen.
Ein Kleinkind auch nicht.
Also springt die Mutter ein. Sie hält, trägt, reguliert.

Was als notwendige Fürsorge beginnt, wird zur Gewohnheit.

• Die Mutter gewöhnt sich daran, alles auszugleichen.
• Das Umfeld gewöhnt sich daran – und sorgt dafür, daß es so bleibt.

Bis Erschöpfung, Ohnmacht oder Burnout im Vordergrund stehen.
Und dann stellt sich die Frage:
Wie reagiert das Umfeld?

Abwehr statt Zuhören

Oft folgt kein Zuhören, sondern Abwehr.
Der Schmerz wird relativiert, umgedeutet, abgewertet.

Sätze wie:
• Das ist dein Job als Mutter.
• Ich verdiene das Geld.
• Du bist doch den ganzen Tag zu Hause.

Als wäre Haushalt keine Arbeit.
Als wäre Beziehungsarbeit keine Leistung.
Als wäre Kinderhaben keine Aufgabe.

Viele Mütter arbeiten zusätzlich außer Haus.
Und dennoch bleiben Kindererziehung, Organisation und emotionale Versorgung überwiegend an ihr hängen.

Überlastung ist so kein Ausnahmefall, sondern eine logische Folge.

Nicht selten verläßt die Frau schließlich die Familie –
nicht aus Egoismus, sondern um sich selbst überhaupt wiederzufinden.

Wenn Geld Verantwortung ersetzt

Dann wird oft ein weiteres Argument ins Feld geführt:
Ich verdiene das Geld.

Als würde Geld Verantwortung ersetzen.
Als könnte man Sorgearbeit delegieren, weil man Rechnungen bezahlt.

Die zugespitzte Frage dahinter lautet:
Muss dein Weib dir auch den Hintern abwischen, nur weil du das Klopapier bezahlst?

In Wahrheit geschieht etwas anderes:
• Verantwortung wird hinter Erwerbsarbeit versteckt.
• Abwesenheit wird legitimiert.
• Sorgearbeit wird abgewertet, weil sie kein Geld erzeugt.

Reden verboten

Beginnt die Mutter, über ihre Situation zu sprechen – mit Freundinnen, mit anderen Müttern – folgt oft der nächste Einspruch:
• Warum mußt du darüber reden?
• Das ist privat.
• Du redest zu viel.

Der Austausch, der entlasten könnte, wird untersagt.
Aus Angst.
Aus Scham.
Aus dem Wunsch, das Bild nach außen zu wahren.

Dabei ist genau dieser Austausch das, was Realität überprüfbar macht.
Hier erhält die Frau Rückmeldung, Spiegelung, Halt.
Nicht um zu zerstören – sondern um nicht selbst daran zu zerbrechen.

Ein notwendiger Blick auf die männliche Seite

Männer haben traditionell Räume, in denen sie klagen dürfen:
Stammtisch, Kollegen, Freundeskreis.

Doch viele Männer tragen Verantwortung anders:
Sie verlagern sie nach außen – in Arbeit, Leistung, Funktion.
Emotionale Verantwortung wird häufig abgegeben, nicht selten unbewußt,
und von der Partnerin aufgefangen.

Auch Männer geraten unter Druck.
Auch sie stauen Überforderung an.
Doch während Frauen Verantwortung halten,
schieben Männer sie häufiger weg.

Beide Dynamiken sind zerstörerisch –
doch sie sind nicht gleich.

Ich schreibe aus der Sicht der Frau.
Und aus dieser Sicht ist klar:
Sie fängt auf, was andere abladen.

Warum Sichtbarkeit als Störung gilt

Auffällig bleibt:
Der Schmerz der Mutter wird erst dann problematisch, wenn er sichtbar wird.
Solange er leise bleibt, gilt er als erträglich.
Sobald er ausgesprochen wird, gilt er als Störung.

Das ist kein individuelles Versagen.
Es ist eine Struktur.

Familien folgen oft einer stillen Arbeitsteilung:
• Sichtbar: Geld, Status, Außenwirkung.
• Unsichtbar: emotionale Regulation, Beziehungspflege, Alltagsorganisation.

Die sichtbaren Leistungen zählen.
Die unsichtbaren gelten als selbstverständlich.

Die Mutter wird so zur emotionalen Infrastruktur.
Nicht als Subjekt mit eigener Geschichte – sondern als Trägerin des Systems.

Wenn die Mutter aus der Rolle fällt

Wer diese Rolle verläßt und beginnt, den eigenen Schmerz ernst zu nehmen,
verändert das Gleichgewicht.

Nicht aus Trotz.
Sondern aus Notwendigkeit.

Dauerstreß schwächt das Immunsystem.
Er macht krank.
Im schlimmsten Fall arbeitsunfähig.

Das System reagiert darauf selten mit Mitgefühl.
Sondern mit dem Versuch, die alte Ordnung wiederherzustellen.

Fazit

Das Schweigegebot der Mutter ist kein individuelles Drama.
Es ist ein kulturelles und familiäres Muster.

Es erklärt, warum viele Mütter lernen, ihren Schmerz zu tragen – aber nicht, ihn zu zeigen.

Dieses Schweigegebot entsteht nicht aus Bosheit.
Es wird stabilisiert durch eine Logik,
die Verantwortung verschiebt,
statt sie zu teilen.

Im nächsten Teil geht es deshalb um die Frage:
Wie finanzielle Leistung als Machtargument genutzt wird –
und warum am Ende trotzdem jemand anderes das System trägt.

 

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Von Wiensworld

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