Eine satirische Danksagung
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
heute möchte ich mich ausnahmsweise einmal nicht über Sie beschweren.
Im Gegenteil.
Ich möchte Ihnen Mut machen:
Machen Sie bitte genauso weiter wie bisher.
Versprechen Sie weiter Dinge, die anschließend anders kommen.
Erklären Sie den Bürgern weiter, warum das, was gestern noch ausgeschlossen wurde, heute plötzlich notwendig ist.
Sorgen Sie weiter dafür, dass Menschen erleben, wie wenig Wahlversprechen offenbar noch mit späterem Regierungshandeln zu tun haben.
Denn Sie erreichen damit etwas, was politische Kritiker vermutlich niemals so erfolgreich geschafft hätten:
Immer mehr Menschen beginnen, das gesamte politische System grundsätzlich infrage zu stellen.
Dafür gebührt Ihnen fast schon Anerkennung.
Je größer der Abstand zwischen politischen Versprechen und tatsächlichen Entscheidungen wird, desto mehr Menschen fragen sich:

Was wählen wir eigentlich noch?
Personen?
Parteien?
Programme?
Oder lediglich ein Versprechen für den Wahltag, das danach wieder eingesammelt werden kann?
Vielleicht liegt darin Ihre eigentliche politische Kunst.
Sie schaffen es, Vertrauen in politische Institutionen nicht durch einen einzigen großen Skandal zu beschädigen, sondern ganz unspektakulär:
Versprechen für Versprechen.
Entscheidung für Entscheidung.
Enttäuschung für Enttäuschung.
Und deshalb möchte ich Sie ausdrücklich bitten:
Bleiben Sie Ihrem bisherigen Kurs treu.
Denn wenn das politische Personal dieses Landes weiterhin so überzeugend demonstriert, wie weit Ankündigungen und späteres Regierungshandeln auseinanderliegen können, erledigt sich die grundsätzliche Systemdebatte irgendwann ganz von selbst.
Wer weiß – vielleicht sitzen wir eines Tages tatsächlich wieder da und diskutieren ernsthaft darüber, ob Deutschland nicht doch wieder einen Kaiser braucht.
Das wäre dann vermutlich nicht das Werk irgendwelcher Monarchisten.
Das hätten Sie und Ihre politischen Kollegen ganz allein geschafft.
In diesem Sinne:
Vielen Dank für Ihren bisherigen Beitrag zur politischen Bewusstseinsbildung.
Und bitte:
Weiter so.
Mit ausgesprochen ironischen Grüßen
Annett
