Damit stellt sich eine interessante Frage:
Warum wird über höhere Preise für Verbraucher teilweise leidenschaftlicher diskutiert als über verbindliche Anforderungen an Hersteller?
Wenn zu viel Zucker in Getränken das gesundheitliche Problem ist, könnte die Politik schließlich auch direkt am Produkt ansetzen.
Man könnte beispielsweise festlegen:
Ein Erfrischungsgetränk darf langfristig maximal eine bestimmte Menge zugesetzten Zucker pro 100 Milliliter enthalten.
Diese Grenze könnte schrittweise sinken.
Hersteller hätten mehrere Jahre Zeit, ihre Rezepturen anzupassen.
Das Ergebnis wäre dann nicht einfach:
Dasselbe Produkt – nur teurer.
Sondern:
Ein Produkt, das tatsächlich weniger Zucker enthält.
Das wäre Gesundheitspolitik unmittelbar am Lebensmittel.
Aber auch bei der Zuckersteuer muss man fair bleiben
Zu behaupten, eine Steuer verändere grundsätzlich nur den Preis, wäre allerdings ebenfalls zu einfach.
Entscheidend ist, wie eine solche Abgabe konstruiert wird.
Großbritannien zeigt das ziemlich deutlich. Dort wurde die Abgabe nach dem Zuckergehalt gestaffelt. Hersteller konnten die Steuer vermeiden oder reduzieren, wenn sie den Zuckeranteil ihrer Getränke senkten.
Genau das geschah in großem Umfang.
Die britische Regierung berichtet für die von der Abgabe betroffenen Softdrinks zwischen 2015 und 2020 von einer durchschnittlichen Verringerung des Zuckergehalts um 46 Prozent.
Eine geschickt konstruierte Herstellerabgabe kann also durchaus dazu führen, dass Rezepturen verändert werden.
Das ist etwas völlig anderes als eine pauschale Verbrauchssteuer, bei der eine Flasche Cola schlicht einige Cent mehr kostet.
Was plant Deutschland eigentlich?
Auch hier lohnt ein genauer Blick.
Die Bundesregierung hat beschlossen, eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ab 2028 gesetzlich auf den Weg zu bringen. So wurde es im Juni 2026 gegenüber dem Bundestag erläutert. Die konkrete Ausgestaltung ist noch nicht abschließend geregelt.
Dann entstand allerdings erhebliche Verwirrung.
Ende August wurde ein Arbeitspapier aus dem Bundesfinanzministerium öffentlich. Darin wurde geprüft, die Abgabe deutlich weiter zu fassen.
Betroffen sein könnten danach nicht nur klassische zuckerhaltige Limonaden, sondern unter anderem auch:
Zero- und Light-Getränke, Getränke mit Süßungsmitteln, Fertigkaffees, Haferdrinks und weitere Getränkekategorien.
Und genau daraus entstand die Meldung:

Jetzt soll sogar Cola Zero mit einer Zuckersteuer belegt werden.
Der Vorstoß existierte tatsächlich.
Aber er war kein Regierungsbeschluss.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil stellte am 26. August 2026 ausdrücklich klar, dass eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke nicht kommen soll.
Seine Aussage war eindeutig: Eine Zuckersteuer auf Getränke ohne Zucker ergebe keinen Sinn. Das entsprechende Papier bezeichnete er als internen Arbeitsstand.
Wer heute also behauptet,
„Deutschland hat beschlossen, auch Cola Zero und Light-Getränke mit der Zuckersteuer zu belegen“,
erzählt nicht den aktuellen Stand.
Richtig ist:
Es wurde innerhalb des Finanzministeriums vorgeschlagen und geprüft – anschließend aber politisch zurückgewiesen.
Damit verschwindet die Süßstofffrage allerdings nicht
Und hier wird es erst richtig interessant.
Nur weil ein Getränk keinen Zucker enthält, bedeutet das nämlich noch lange nicht automatisch:
gesund.
Die Weltgesundheitsorganisation hat 2023 eine eigene Leitlinie zu sogenannten Non-Sugar Sweeteners, also zu zuckerfreien Süßungsmitteln, veröffentlicht.
Dazu zählen beispielsweise:
Aspartam, Acesulfam K, Saccharin, Cyclamat, Sucralose und Stevia beziehungsweise Steviaderivate.
Die WHO empfiehlt, solche Süßungsmittel nicht als langfristige Strategie zur Gewichtskontrolle oder zur Verringerung des Risikos ernährungsbedingter Erkrankungen einzusetzen. Der Ersatz von Zucker durch Süßstoffe zeige langfristig keinen überzeugenden Vorteil bei der Gewichtskontrolle.
Aber auch hier ist eine wichtige Einschränkung nötig.
Die WHO sagt damit nicht, dass zugelassene Süßstoffe grundsätzlich giftig oder innerhalb ihrer zugelassenen Mengen unsicher seien.
Die Empfehlung ist ausdrücklich keine neue toxikologische Sicherheitsbewertung einzelner Süßstoffe. Sie wurde außerdem von der WHO als bedingt – „conditional“ – eingestuft.
Das wird in der öffentlichen Diskussion gern unterschlagen.
Die eigentliche Botschaft der WHO ist viel interessanter:
Wir sollten nicht einfach sehr süß mit Zucker durch sehr süß ohne Zucker ersetzen.
Die Ernährung insgesamt sollte weniger süß werden.
Die WHO formuliert inzwischen ausdrücklich, dass die Verringerung freien Zuckers möglichst ohne den Ersatz durch zuckerfreie Süßstoffe erfolgen sollte.
Genau hier entsteht ein politischer Widerspruch
Wenn man stark gezuckerte Getränke besteuert und Zero-Produkte ausnimmt, schafft man einen wirtschaftlichen Anreiz:
Hersteller können Zucker herausnehmen und ihn teilweise durch intensive Süßstoffe ersetzen.
Für das Ziel
„weniger Zucker“
ist das zunächst logisch.
Für das weitergehende Ziel
„weniger extrem süße Lebensmittel und eine gesündere Ernährung“
ist es wesentlich weniger eindeutig.
Dann hätte man unter Umständen irgendwann:
weniger Zucker,
weniger Kalorien,
aber weiterhin Produkte, die geschmacklich extrem auf Süße ausgerichtet sind.
Und genau deshalb halte ich eine reine Diskussion über Steuern für zu kurz gedacht.
Warum nicht direkt die Hersteller in die Pflicht nehmen?
Man könnte Zuckergrenzen schrittweise reduzieren.
Man könnte besonders hohe Zuckermengen begrenzen.
Man könnte klare Ziele für Kinderprodukte festlegen.
Man könnte Hersteller verpflichten, den Zuckergehalt über mehrere Jahre zu senken.
Und man könnte gleichzeitig verhindern, dass einfach jede entfernte Zuckermenge durch immer größere Mengen intensiver Süßungsmittel ersetzt wird.
Das wäre eine echte Reformulierungspolitik.
Denn wenn Gesundheit tatsächlich das Ziel ist, müsste die Frage lauten:
Wie bekommen wir weniger Zucker und langfristig weniger übermäßig süße Lebensmittel in die Regale?
Nicht nur:
Wie bekommen wir zusätzliche Cent auf eine Flasche Cola?
Und wohin fließt eigentlich das Geld?
Auch diese Frage gehört zur Diskussion.
Eine gesundheitspolitische Abgabe lässt sich wesentlich überzeugender begründen, wenn die Einnahmen tatsächlich für Prävention verwendet werden:
Ernährungsbildung,
gesundes Schulessen,
Bewegungsprogramme,
Diabetesprävention,
Zahngesundheit von Kindern.
Wenn dagegen Milliarden in den allgemeinen Haushalt fließen, während dieselben Produkte nahezu unverändert im Regal stehen, darf man durchaus fragen:
Geht es hier wirklich in erster Linie um Gesundheit – oder ist Gesundheit das Argument für eine neue Einnahmequelle?
Das muss man nicht unterstellen.
Aber man darf es kontrollieren.
Mein Fazit
Andere Länder zeigen, dass sie Hersteller tatsächlich dazu bringen kann, Zucker aus ihren Produkten zu entfernen.
Aber damit ist die Diskussion nicht beendet.
Denn Zucker einfach durch Süßstoffe zu ersetzen ist nach heutiger WHO-Empfehlung ebenfalls nicht die ideale langfristige Lösung.
Und deshalb wäre mein Ansatz:
Nicht einfach Zucker gegen Süßstoff austauschen.
Sondern die Süße unserer industriellen Lebensmittel Schritt für Schritt reduzieren.
Und vor allem die Hersteller stärker in die Verantwortung nehmen.
Denn wenn ein Produkt gesundheitspolitisch problematisch ist, erscheint mir eine Frage ziemlich naheliegend:
Warum soll der Verbraucher dafür mehr bezahlen – statt dass der Hersteller es besser machen muss?
