Wären wir alle Soldaten – würden wir dann kameradschaftlicher denken?
Ich meine damit nicht den Krieg. Ich wünsche mir weder Waffen noch Befehle noch militärischen Gehorsam. Ich denke an etwas ganz anderes: an echte Kameradschaft.
Keiner bleibt zurück
Soldaten lernen, aufeinander zu achten. Sie wissen, daß keiner allein zurückbleiben darf. Wenn einer fällt, helfen ihm die anderen wieder auf. Wenn einer schwach wird, übernimmt ein Kamerad einen Teil seiner Last. Jeder muß sich auf den anderen verlassen können, denn im entscheidenden Augenblick kann das eigene Leben davon abhängen.
Warum gelingt uns das im normalen Leben so selten?
Vom Mitmenschen zum Konkurrenten
In unserer heutigen Gesellschaft scheint oft jeder nur noch für sich selbst zu kämpfen. Der Nachbar wird nicht mehr als Kamerad betrachtet, sondern als Konkurrent. Der Kollege könnte einem den Arbeitsplatz streitig machen. Der Mitmensch wird nach seiner politischen Meinung, seiner Herkunft, seinem Einkommen oder seinem Impfstatus beurteilt.
Wir melden einander, lästern übereinander, belehren uns gegenseitig und grenzen Menschen aus. Aber wann haben wir zuletzt gefragt:
„Brauchst du Hilfe?“
Kameradschaft braucht keine Gleichheit
Ein guter Kamerad muß nicht immer derselben Meinung sein. Er muß nicht dieselbe Religion haben, dieselbe Partei wählen oder dasselbe Leben führen.
Kameradschaft bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Sie bedeutet, den anderen mit all seinen Unterschieden anzunehmen und ihn trotzdem nicht im Stich zu lassen.
Wären wir alle Kameraden, würde der Starke den Schwachen nicht verspotten. Der Gesunde würde den Kranken nicht als Belastung betrachten. Der Wohlhabende würde nicht auf den Armen herabschauen. Und wer selbst kaum noch Kraft hat, müßte nicht länger so tun, als käme er ganz allein zurecht.

Hinsehen statt filmen
Wir würden wieder bemerken, wenn der Nachbar seit Tagen nicht gesehen wurde. Wir würden einer überforderten Mutter helfen, einem alten Menschen zuhören und einem Kind zeigen, daß es nicht allein ist.
Wenn jemand am Boden liegt, würden wir nicht das Handy zücken und filmen. Wir würden hingehen, eine Hand reichen und helfen.
Übertreffen statt respektieren
Unsere Gesellschaft bringt uns früh bei: Sei schneller. Sei besser. Setze dich durch. Kümmere dich zuerst um dich selbst.
Es ist kein Fehler, sich anzustrengen, seine Fähigkeiten zu entwickeln und über sich hinauszuwachsen. Der Fehler beginnt dort, wo es nicht mehr um die eigene Entwicklung geht, sondern nur noch darum, andere zu übertreffen. Wo Erfolg wichtiger wird als Respekt und Leistung wichtiger als die Akzeptanz des anderen in seinem ganz eigenen Sein.
Schon in der Schule sollen alle mit denselben Büchern, denselben Aufgaben und nach denselben Maßstäben lernen. Dabei könnten unterschiedliche Bücher, Sichtweisen und Lösungswege Kindern helfen, selbständig zu denken, zu vergleichen und zu reflektieren.
Auch Kritik betrachten wir häufig als Schmähung oder persönlichen Angriff. Dabei können wir gerade durch ehrliche Kritik lernen und wachsen. Doch dafür müßten wir bereit sein, unser eigenes Denken und unser Ego zu hinterfragen.
Viele Menschen sind so sehr in ihrem Ego gefangen, daß sie jede andere Meinung als Bedrohung empfinden. Vielleicht ist genau das unser Fehler.
Dein Schicksal könnte morgen meines sein
Kein guter Soldat würde in einer gefährlichen Lage sagen: „Das geht mich nichts an.“ Er weiß, daß das Schicksal seines Kameraden morgen sein eigenes sein könnte.
Heute braucht der andere Hilfe – morgen vielleicht er selbst.
Warum übertragen wir dieses Verständnis nicht auf unsere Familien, Dörfer und Gemeinschaften?
Wir brauchen keine Uniformen, um füreinander einzustehen. Wir brauchen keine Befehle, um Verantwortung zu übernehmen. Und wir brauchen keinen gemeinsamen Feind, um uns miteinander verbunden zu fühlen.
Einer für alle – alle für einen
Vielleicht sollten wir weniger gegeneinander kämpfen und wieder stärker darauf achten, daß niemand zurückbleibt.
Wären wir doch alle ein wenig mehr wie gute Kameraden: aufmerksam, verläßlich, mutig und bereit, die Last eines anderen ein Stück mitzutragen.
Nicht weil es uns jemand befiehlt.
Sondern weil wir Menschen sind, aus derselben Quelle stammen und einander brauchen.
