– und warum der Tante-Emma-Laden verschwinden musste
-
Der fensterlose Raum – Entzug von Welt
Ein fensterloser Supermarkt ist kein Geschäft.
Er ist ein abgeschotteter Reizcontainer.
- Kein Himmel.
- Kein Regen.
- Kein Nachmittag, der sich neigt.
Zeit wird ausgelöscht, weil Zeit den Menschen erinnert, dass er nicht hierher gehört.
Fenster wären ein Leck im System.
Durch sie käme:
- Tageslicht
- Rhythmus
- Realität
Deshalb werden sie zugemauert.
-
Totale Herrschaft über Wahrnehmung
Im fensterlosen Markt entscheidet nicht der Mensch, sondern das System:
- Licht = künstlicher Dauerzustand
- Musik = Taktgeber fürs Kaufen
- Geruch = gesteuerte Emotion
- Temperatur = Wohlfühlträgheit
Du stehst nicht in einem Laden.
Du befindest dich in einem künstlichen Innenraum ohne Außen.
Ein Raum, der sagt:
„Vergiss die Welt. Konsumiere.“
-
Warum der Tante-Emma-Laden sterben musste
Der klassische Tante-Emma-Laden hatte:
- Fenster zur Straße
- eine Tür, die offenstand
- Blickkontakt nach draußen
- Gespräche ohne Verkaufsstrategie
Man sah:
- wer vorbeiging
- wie das Wetter war
- ob es hell oder dunkel wurde
Der Laden war Teil des Lebens, nicht dessen Ersatz.
Genau das war sein Fehler – für die Gierigen.
-
Fenster sind Würde
Fenster bedeuten:
- Verbindung
- Durchlässigkeit
- Teilnahme am Gemeinsamen
Der Tante-Emma-Laden hatte keine totale Kontrolle.
Er konnte den Menschen nicht von seiner Umgebung trennen.
Und genau deshalb war er ökonomisch unbrauchbar
für ein System, das Verweildauer, Warenumschlag und Kaufimpulse optimiert.
-
Der moderne Discounter: ein Konsumkörper
Typische Vertreter:
- Aldi
- Lidl
- Netto
Diese Orte sind:
- absichtlich fensterlos
- absichtlich zeitlos
- absichtlich ortlos
Sie könnten überall stehen.
Sie gehören nirgends hin.
-
Die Farbe als letzter Griff ans Bewusstsein
Wenn Fenster fehlen, übernimmt Farbe die Führung.
Aldi – das kalte Blau
Blau steht für:
- Distanz
- Sachlichkeit
- Kühle
- Kontrolle
Aldi ist blau, weil:
- Blau beruhigt, aber bindet nicht
- Blau reduziert Emotion
- Blau macht funktional
Du sollst nicht genießen.
Du sollst abarbeiten.
Blau sagt:
„Hier geht es nicht um dich. Hier geht es um Effizienz.“
Viele empfinden Aldi als unfreundlich – weil er es absichtlich ist.
Lidl – das aggressive Gelb
Gelb ist:
- laut
- fordernd
- aufmerksamkeitsheischend
Lidl nutzt Gelb, um:
- Wachheit zu erzeugen
- Impulse zu triggern
- Schnelligkeit zu erzwingen
Gelb macht nervös.
Gelb duldet keinen Aufenthalt.
Es sagt:
„Greif zu. Weiter. Nächster Artikel.“
Netto – das billige Rot
Rot ist:
- Alarm
- Reiz
- Stress
- Billigkeit
Netto wirkt rot, weil:
- Rot senkt Hemmschwellen
- Rot signalisiert „günstig um jeden Preis“
- Rot erzeugt Unruhe statt Vertrauen
Deshalb gehen viele Menschen instinktiv ungern hinein.
Rot sagt nicht:
„Willkommen.“
Rot sagt:
„Nimm, solange es billig ist.“
-
Der eigentliche Verlust
Was verschwunden ist, ist nicht nur ein Laden.
Verschwunden ist:
- der Übergang zwischen Drinnen und Draußen
- das Gefühl, Teil eines Ortes zu sein
- das Maß zwischen Bedarf und Verführung
Der Tante-Emma-Laden kannte dich.
Der Supermarkt kennt nur dein Kaufverhalten.
-
Der gruselige Kern
Ein fensterloser Supermarkt ist ein Raum ohne Himmel.
Und ein Raum ohne Himmel ist kein menschlicher Raum.
Er ist gebaut, um dich von der Welt zu trennen,
damit du dich besser lenken lässt.
Wie müssen sich erst die Menschen fühlen, die dort arbeiten (müssen)
Historische Linie:
Wann und warum die Fenster verschwanden
1. Der Laden als Teil der Straße (bis ca. 1950)
Der klassische Lebensmittelladen – ob Tante-Emma-Laden, Kolonialwarenhandel oder Dorfladen – war architektonisch offen.
Merkmale:
- große Schaufenster
- Türen zur Straße
- Tageslicht als Selbstverständlichkeit
- Blickbeziehungen nach außen
Der Laden war kein abgeschlossener Raum, sondern ein Übergang:
Straße → Mensch → Ware.
Einkaufen war sozial, rhythmisch, sichtbar.

2. Der Beginn der Abschottung (1950–1970)
Mit dem Aufkommen der ersten Selbstbedienungsläden änderte sich etwas Grundsätzliches.
Neue Ziele:
- höhere Warenumschlaggeschwindigkeit
- standardisierte Wegeführung
- weniger Personal, mehr Fläche
Fenster wurden:
- kleiner
- höher gesetzt
- teilweise verblendet
Nicht aus Sparsamkeit –
sondern weil Blick nach außen Ablenkung bedeutet.
Das ist die Drogerie meiner Großeltern in Wadersloh gewesen. Den klassischen Drogisten gibt es heute auch nicht mehr, nur Drogerie (Pharma)-Fachverkäufer. Die Apotheke hat das Wissen des Drogisten eingestampft.

3. Die Geburtsstunde des fensterlosen Marktes (1970–1990)
In dieser Phase wurde klar:
Der ideale Konsument ist zeitlos. Ich kann mich noch an meine innere Ablehnung erinnern bei Aldi oder Lidl einkaufen zu gehen und dann gab es auf einmal nichts mehr anderes.
Er soll:
- nicht merken, wie lange er bleibt
- nicht durch Wetter oder Licht beeinflusst werden
- vollständig im Raum „aufgehen“
Architektur, Marketing und Konsumpsychologie arbeiteten erstmals systematisch zusammen.
Fenster galten nun als:
- Störfaktor
- Kontrollverlust
- Leck im Reizsystem
Der Markt wurde zum Innenraum ohne Außen.

4. Discounter-Logik und totale Standardisierung (1990–2010)
Mit dem Siegeszug der Discounter wurde Fensterlosigkeit Norm. (Wie bei Norma)
Gründe:
- vollständige Reizkontrolle
- identische Märkte überall
- maximale Planbarkeit
- minimale Abweichung
Ein Markt in Bayern soll sich exakt gleich anfühlen wie ein Markt in Niedersachsen.
Fenster verhindern das.

5. Heute: Der Konsumraum als künstlicher Kosmos
Der moderne Supermarkt ist:
- unabhängig vom Ort
- unabhängig vom Tageslicht
- unabhängig vom sozialen Umfeld
Er ist kein Gebäude mehr.
Er ist ein Systemraum.
Der Mensch tritt ein –
und die Welt bleibt draußen.

Der Kontrast in einem Satz
Der Tante-Emma-Laden war ein Ort in der Welt.
Der Supermarkt ist eine Welt ohne Ort.
Wie können wir das ändern?
Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, dann kauf meine Bücher über Aromatherapie:
Literatur:
Symphonie der Zellen für die Hausapotheke
SOZ-Schmerzfrei
SOZ- Kinder
SOZ: Die Allchemie der Glücksmomente
